11.6.09

Das In­sol­venz­plan­ver­fah­ren: Chan­ce in der Krise

"... Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Bri­git­te Zy­pries hat an­ge­sichts der In­sol­venz­an­trags­stel­lung des Kar­stadt-​Quel­le-​Kon­zerns Ar­can­dor AG auf die Vor­zü­ge des deut­schen In­sol­venz­rechts bei der Sa­nie­rung not­lei­den­der Un­ter­neh­men hin­ge­wie­sen. Vor allem das so ge­nann­te In­sol­venz­plan­ver­fah­ren stellt ein ge­eig­ne­tes In­stru­men­ta­ri­um zur Fort­füh­rung von Un­ter­neh­men und zum Er­halt von Ar­beits­plät­zen dar. Die Rech­te der Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer wer­den dabei in be­son­de­rer Weise ge­schützt.

"So be­rech­tigt und ver­ant­wor­tungs­voll die Be­mü­hun­gen waren, eine In­sol­venz des Ar­can­dor-​Kon­zerns und sei­ner Wa­ren­häu­ser zu ver­mei­den, so wich­tig ist es jetzt, vor allem Scha­den von den Be­schäf­ti­gen ab­zu­wen­den. Sa­nie­ren statt zer­schla­gen ist das obers­te Gebot der Stun­de - es geht vor allem um den Er­halt von Ar­beits­plät­zen. Unser In­sol­venz­recht ist dafür gut ge­rüs­tet. In Deutsch­land muss eine In­sol­venz kei­nes­wegs das Ende be­deu­ten. Son­dern: Mit dem In­sol­venz­plan­ver­fah­ren be­ginnt ein Sa­nie­rungs­pro­zess, aus dem über­le­bens­fä­hi­ge Fir­men ge­stärkt her­vor­ge­hen kön­nen. Zahl­rei­che Bei­spie­le aus der Ver­gan­gen­heit zei­gen dies - wie etwa die er­folg­rei­chen In­sol­venz­plan­ver­fah­ren der Un­ter­neh­men 'Bab­cock Bor­sig', 'Her­litz', 'Ihr Platz' und 'Sinn Lef­fers'. Das In­sol­venz­plan­ver­fah­ren bie­tet gute Chan­cen, um den Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens zu si­chern und Ar­beits­plät­ze zu er­hal­ten. Alle Be­tei­lig­ten, die Ver­ant­wor­tung für das Un­ter­neh­men und damit für Zehn­tau­sen­de von Be­schäf­tig­ten tra­gen, sind jetzt auf­ge­ru­fen, die Krise als Chan­ce zu nut­zen", be­ton­te Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Bri­git­te Zy­pries.

Im Ein­zel­nen

Zur Be­deu­tung der In­sol­venz­an­trag­stel­lung:
Mit dem In­sol­venz­an­trag wird wert­vol­le Zeit ge­won­nen, um einen Über­blick über die Ak­ti­va und Pas­si­va sowie die not­wen­di­ge Ori­en­tie­rung für das wei­te­re Ver­fah­ren zu fin­den, etwa um wei­te­re Sa­nie­run­gen bzw. Re­struk­tu­rie­run­gen zu prü­fen oder neue Geld­ge­ber zu fin­den. Der Wett­lauf der Gläu­bi­ger wird vor­erst be­en­det, Spe­ku­la­tio­nen über immer neue Geld­ge­ber oder Um­struk­tu­rie­run­gen wird zu­nächst der Boden ent­zo­gen. Die Löhne kön­nen wegen des In­sol­venz­gel­des wäh­rend des vor­aus­sicht­lich drei­mo­na­ti­gen Vor­ver­fah­rens wei­ter ge­zahlt wer­den, die Ar­beits­plät­ze sind damit bis zur Ver­fah­ren­ser­öff­nung weit­ge­hend si­cher.

Un­mit­tel­bar nach Be­an­tra­gung des In­sol­venz­ver­fah­rens kann das In­sol­venz­ge­richt Si­che­rungs­maß­nah­men tref­fen, um eine nach­tei­li­ge Ver­än­de­rung der Ver­mö­gens­la­ge des Schuld­ners zu ver­hin­dern. Das Ge­richt kann etwa einen vor­läu­fi­gen In­sol­venz­ver­wal­ter ein­set­zen und Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men gegen den Schuld­ner un­ter­sa­gen. Be­reits hier­durch wird zu einer Sta­bi­li­sie­rung des schuld­ne­ri­schen Un­ter­neh­mens bei­ge­tra­gen und ein Aus­ein­an­der­rei­ßen der Ver­mö­gens­wer­te ver­hin­dert. Bis zur Er­öff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens muss der vor­läu­fi­ge In­sol­venz­ver­wal­ter das Un­ter­neh­men fort­füh­ren.

Zum In­sol­venz­plan­ver­fah­ren:

1. Grund­zü­ge und Vor­tei­le des Ver­fah­rens
Der In­sol­venz­plan soll ins­be­son­de­re zum Er­halt des Un­ter­neh­mens bei­tra­gen und einen ge­rech­ten Aus­gleich zwi­schen den In­ter­es­sen des Schuld­ners und der Gläu­bi­ger schaf­fen. Im In­sol­venz­plan­ver­fah­ren kann die Be­frie­di­gung der In­sol­venz­gläu­bi­ger, die Ver­wer­tung der In­sol­venz­mas­se und deren Ver­tei­lung in einem In­sol­venz­plan ab­wei­chend von den Vor­schrif­ten der In­sol­venz­ord­nung ge­re­gelt wer­den. Da­durch kann auf die Be­lan­ge der Ar­beit­neh­mer und ins­be­son­de­re auf deren Ab­si­che­rung be­son­ders Wert ge­legt wer­den.

Der In­sol­venz­plan er­öff­net ein Höchst­maß an Fle­xi­bi­li­tät, um die Sa­nie­rung des Un­ter­neh­mens zu er­rei­chen. Der Plan kann zur Er­hal­tung des gan­zen Un­ter­neh­mens oder von Tei­len ein­ge­setzt wer­den. In­so­fern kann etwa vor­ge­se­hen wer­den:

- Kür­zung oder Stun­dung von In­sol­venz­for­de­run­gen,
- Ein­grif­fe in Si­che­rungs­rech­te,
- Re­ge­lun­gen zur Haf­tung des Schuld­ners auch nach Ab­schluss des Ver­fah­rens,
- Ver­pflich­tungs­er­klä­run­gen von Drit­ten (z. B. Ein­satz staat­li­cher Mit­tel),
- Zu­stim­mung des Schuld­ners zu Ka­pi­tal­her­ab­set­zung und Auf­nah­me neuer Ge­sell­schaf­ter.

Der In­sol­venz­plan kann sich auf rein fi­nanz­wirt­schaft­li­che Maß­nah­men be­schrän­ken - etwa durch Re­du­zie­rung der Schul­den­last bei Ban­ken -, mit ihm kann aber eben­so gut eine völ­li­ge Neu­aus­rich­tung des Un­ter­neh­mens an­ge­strebt wer­den.

Die wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen der Gläu­bi­ger wer­den an­ge­mes­sen be­rück­sich­tigt, da sie über den In­sol­venz­plan nach Grup­pen ab­zu­stim­men haben. Selbst wenn die Mehr­heit der Gläu­bi­ger dem Plan zu­ge­stimmt hat, muss das Ge­richt unter Um­stän­den die Be­stä­ti­gung ver­sa­gen, wenn ein wi­der­spre­chen­der Gläu­bi­ger - etwa Teile der Ar­beit­neh­mer - glaub­haft macht, dass er durch den Plan schlech­ter ge­stellt wird, als er im Falle einer Li­qui­da­ti­on stün­de.

2. Schutz von Ar­beit­neh­mer­rech­ten

In­sol­venz­geld
Im Falle der Er­öff­nung eines In­sol­venz­ver­fah­rens haben die Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer für die der Er­öff­nung vor­aus­ge­hen­den drei Mo­na­te einen An­spruch auf In­sol­venz­geld. Zu die­sen Ver­gü­tungs­an­sprü­chen zäh­len alle Leis­tun­gen des Ar­beit­ge­bers, die eine Ge­gen­leis­tung für die Ar­beits­leis­tung des Ar­beit­neh­mers dar­stel­len (Lohn, Aus­lö­sun­gen, Auf­wen­dungs­er­satz­leis­tun­gen, Zu­schlä­ge und Zu­la­gen etc.).

Da die Leis­tun­gen der In­sol­venz­geld­ver­si­che­rung erst mit der Er­öff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens, also nicht schon mit der In­sol­venz­an­trag­stel­lung, fäl­lig wer­den, wurde das In­sti­tut der Vor­fi­nan­zie­rung von In­sol­venz­geld ge­schaf­fen. Es ist das wich­tigs­te In­stru­ment einer Be­triebs­fort­füh­rung. Der vor­läu­fi­ge In­sol­venz­ver­wal­ter wird so in die Lage ver­setzt, Löhne und Ge­häl­ter der Mit­ar­bei­ter zu zah­len und damit ein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht wegen Ver­zu­ges aus­zu­schal­ten.

Be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung
Die ge­setz­li­che In­sol­venz­si­che­rung ist das wich­tigs­te Mit­tel, Ar­beit­neh­mer und Be­triebs­rent­ner vor dem Ver­lust ihrer be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung zu schüt­zen. Sie er­hal­ten von Ge­set­zes wegen eine im Ver­gleich zu an­de­ren Gläu­bi­gern be­vor­zug­te Stel­lung. In­so­fern sind sie etwa mit Haft­pflicht­ge­schä­dig­ten im Stra­ßen­ver­kehr zu ver­glei­chen, da sie gegen die In­sol­venz des Ver­sor­gungs­schuld­ners pflicht­ver­si­chert wer­den.

So­zi­al­plan
Mit der Er­öff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens sind re­gel­mä­ßig Be­trieb­s­än­de­run­gen (z. B. Ver­än­de­run­gen von Ar­beits­plät­zen) ver­bun­den, deren wirt­schaft­li­che Nach­tei­le über einen So­zi­al­plan aus­ge­gli­chen oder zu­min­dest ge­mil­dert wer­den sol­len. Die­ser So­zi­al­plan darf nicht mehr als zwei­ein­halb Mo­nats­ver­diens­te aller von einer Ent­las­sung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer um­fas­sen und soll nicht mehr als ein Drit­tel der Masse in An­spruch neh­men. Mit dem So­zi­al­plan wer­den die Ar­beit­neh­mer deut­lich bes­ser ge­stellt als sons­ti­ge In­sol­venz­gläu­bi­ger.

3. Ein­lei­tung des Ver­fah­rens
Das Plan­ver­fah­ren nach der In­sol­venz­ord­nung wird erst dann ein­ge­lei­tet, wenn durch den Schuld­ner oder einen Gläu­bi­ger ein In­sol­venz­an­trag ge­stellt und dar­auf­hin das Ver­fah­ren er­öff­net wurde. Zur Vor­la­ge des In­sol­venz­plans sind der Schuld­ner sowie der In­sol­venz­ver­wal­ter be­rech­tigt.

Be­son­der­heit: Ei­gen­ver­wal­tung
In der Regel ver­liert der Schuld­ner mit der Er­öff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens die Ver­fü­gungs­be­fug­nis über sein Ver­mö­gen; dies ist je­doch im Ver­fah­ren der Ei­gen­ver­wal­tung nicht der Fall, das eben­falls mit einem In­sol­venz­plan kom­bi­niert wer­den kann. Dabei be­hält die bis­he­ri­ge Ge­schäfts­füh­rung die Zügel wei­ter in der Hand, al­ler­dings unter der Auf­sicht des In­sol­venz­ver­wal­ters als "Sach­wal­ter".

Dies be­deu­tet zu­nächst, dass der Vor­stand von Ar­can­dor wei­ter für das schuld­ne­ri­scher Un­ter­neh­men die Ge­schäf­te lei­tet. Al­ler­dings wird als Ge­ne­ral­be­voll­mäch­tig­ter in der Regel ein er­fah­re­ner In­sol­venz­ver­wal­ter ge­wählt, der das Ver­trau­en der Gläu­bi­ger und An­teils­eig­ner ge­nießt. Dies bie­tet den Vor­teil, dass die Er­fah­run­gen der bis­he­ri­gen Ge­schäfts­lei­tung zur Sa­nie­rung ge­nutzt wer­den kön­nen, gleich­zei­tig je­doch ein er­fah­re­ner In­sol­venz­ex­per­te mit die Ge­schi­cke des Un­ter­neh­mens lei­tet. Zu­sätz­lich wer­den die In­ter­es­sen der In­sol­venz­gläu­bi­ger noch da­durch ab­ge­si­chert, dass ein Sach­wal­ter die Ge­schäfts­füh­rung über­wacht und kon­trol­liert, ob der In­sol­venz­zweck hier­durch nicht ge­fähr­det wird.

Vor allem bei in zahl­rei­che Ge­sell­schaf­ten auf­ge­glie­der­ten Kon­zer­nen, bie­tet die Ei­gen­ver­wal­tung den Vor­teil, dass nur ein Sach­wal­ter bei allen be­trof­fe­nen Ge­sell­schaf­ten für die ko­or­di­nier­te Ab­wick­lung der In­sol­venz sorgt, gleich­zei­tig aber wei­ter die Syn­er­gie­ef­fek­te des Kon­zerns ge­nutzt wer­den kön­nen. An­dern­falls würde die Ge­fahr be­ste­hen, dass bei der Ein­set­zung von zahl­rei­chen In­sol­venz­ver­wal­tern Rei­bungs­ver­lus­te auf­tre­ten, die den wirt­schaft­li­chen Wert des ge­sam­ten Un­ter­neh­mens mi­ni­mie­ren.

4. Wir­kun­gen des In­sol­venz­plans
Wird der Be­schluss, mit dem der In­sol­venz­plan be­stä­tigt wurde, rechts­kräf­tig, so tre­ten die im ge­stal­ten­den Teil fest­ge­leg­ten Wir­kun­gen ein. Die Rech­te der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten wer­den somit um­ge­stal­tet, d.h. für den Schuld­ner, die In­sol­venz­gläu­bi­ger und auch für die Si­che­rungs­gläu­bi­ger gilt ab die­sem Zeit­punkt eine neue Rechts­la­ge, un­ab­hän­gig davon, ob die je­wei­li­gen Gläu­bi­ger ihre For­de­run­gen recht­zei­tig an­ge­mel­det hat­ten oder nicht. ..."

Quelle: Pressemitteilung des BMJ vom 10.06.2009

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